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Leseprobe 3

Igel

Igel leben normalerweise um die acht Jahre.
Aber da Insekten, Würmer,
und Schnecken, die ihr Futter bilden,
alle mit Chemie verseucht sind,
liegt die heutige Lebenserwartung
der Igel bei drei Jahren.

Wenn man dann noch überlegt,
dass sie die Hälfte des Jahres
mit Winterschlaf zubringen,
einer Art Zombie-Halbschlaf,
und sie in den sechs sommerähnlichen
Monaten nur rauskommen, wenn
es dunkel ist, d.h. im Hochsommer
gegen halb zehn abends,
und sie dann mit der aufgehenden Sonne
gegen drei Uhr morgens wieder
in irgendein Tagesquartier kriechen,
um den verdammten stinkenden
hellen Tag zu überstehen,
da muß man doch zum Schluß kommen,
daß sie von ihren lächerlichen
drei Jahren verdammt wenig
zum tatsächlichen Leben über haben.

Stell dir mal einen
verkackten Menschen vor -
Proletarier, Beamter oder Kapitalist -
und du bist Gott und sagst ihm:
mein lieber Freund,
deine 75 Jahre Lebenserwartung
streichen wir dir zusammen
auf dreißig.
und du hast dabei keine
16 Stunden großkotzige Bewegung
und 8 Stunden Schlaf.
D.h., die Zeit für deine
großartigen Bestrebungen reduziert sich
von 65% deinen Lebens auf
ACHT PROZENT ...

Was würde dieser Mensch schreien,
hysterisch werden;
Gerichtshöfe anbetteln, auf Rechte
Familie und Audi 80 pochen,
Nachbarn umlegen,
Telefonzellen verwüsten,
die Republikaner wählen,
Gesetze überschreiten,
zu spät zur Arbeit kommen,
sein Auto falsch parken,
womöglich noch krank feiern oder
terroristische Gedanken hegen und
alle möglichen Dinge
überforcieren.
Diese Art Mensch wäre
nichts als ein aggressives
Stück Giftmüll, das es
schnellstens zu entsorgen gilt.
Und es WÜRDE entsorgt werden.

Und jetzt guck dir
den Igel an.
Er steckt alles weg:
Chemie im Futter, Kaninchenzäune,
Straßen und Autos,
zu Tode gepflegte Vorstadtgärten,
Flöhe und Lungenwürmer.

Die Gelassenheit des Urviechs,
Wenn er stirbt,
stirbt er.
Und macht kein
großes Brimborium
wie Katholiken,
Esoteriker und andere
schwerbehinderte Zweibeiner.


Kommentar an:   J.Rieck
online seit 15.07.2004

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